L'Ation

18. Nov 2025,

L'Ation
L'Ation

„Bitte was? Spiel nicht mit den Schmuddelwörtern!“ So mahnte Franz-Josef Degenhardt vor genau sechzig Jahren – damals allerdings in Bezug auf die „Schmuddelkinder“.

Sein Lied prangerte die enge, biedermeierliche Spießigkeit der Nachkriegsgesellschaft an.
Eine Mentalität, die heute – erstaunlicherweise – wieder nach Aufmerksamkeit ruft.
Nicht zwingend in Deutschland, aber in manch anderen Nationen erlebt das Spießertum, samt seiner häuslichen Rückrufaktion für Frau und Mutter, eine neue Blütezeit.

Ach, das nennt man also den Lebenszyklus? Ach nee!

Kommen wir zum unbekannten Begriff „L’Ation“.
Klingt geheimnisvoll – und bleibt es auch, denn dieser Wortfetzen existiert nur als Teil anderer Wörter.
Etwa in Gratulation, Isolation, oder Regulation.
Was, wenn man diese Begriffe einmal in Relation zueinander setzt?
Sie würden sich kaum vertragen – das zeigt schon die Kalkulation vor der Ventilation.

Also gehen wir der Sache, oder besser gesagt der Zirkulation, etwas auf den Grund.
Die Endung -lation stammt – wie so vieles im Wort-Universum – aus dem Lateinischen.
Das Französische hat sich später elegant dazwischengeklemmt, um dem Ganzen einen Hauch von Noblesse zu verleihen.
Doch der kleine Umweg über Frankreich hatte seine Tücken:
Im Mittelalter sprach man dort Vulgärlatein – was sonst?
Wie sonst hätte das Wort Regulation überhaupt entstehen können?

Während der Ritterzeit spielten Sprachtheoretiker mit Silben wie Kinder mit Bauklötzen.
Irgendwann beschloss jemand aus diesem illustren Zirkel – nennen wir ihn Monsieur Zirkulation –,
dass die Endung -lation Fachbegriffen ein seriöses, beinahe aristokratisches Flair verleihen könnte.
Vor allem, wenn sie über die Grenze nach Deutschland wandert.
Kritiker warnten: Das führe zu einer Inflation französischer Lehnwörter!
Doch die Denker setzten sich durch – und mit ihnen die Stimulation des sprachlichen Crossover.

Oder, wie die Franzosen sagen:
„C’est l’Ation que fait le mystique.“

Sprachen sind Schatzträger – und jede hat ihre eigene Melodie.
Wer auf Italienisch streitet, klingt immer noch charmant.
Wer auf Deutsch argumentiert, gilt wahlweise als klarer Kopf oder als stur.
Wer auf Englisch flucht, ist Rüpel oder Comedian.
Wer auf Französisch parlieren kann, wird automatisch als royal wahrgenommen.
Wer eine Liebeserklärung auf Russisch macht, braucht Untertitel, um nicht als wütend zu gelten.
Und wer auf Chinesisch poltert, klingt wie ein Mitglied der Glasmenagerie.

Oh ja, Sprachen tragen Musik – und jede Tonart weckt andere Emotionen.
Ein weiterer Schatz ist der Wortschatz selbst.
Erstaunlich, dass im Deutschen aus nur 26 Buchstaben ganze Universen entstehen – und es nie langweilig wird.

Ich erinnere mich an die alten Meyers Lexikonbände:
Band A–C, Band D–E, und so weiter.
Ich blätterte stundenlang und staunte über Herkunft und Geschichte der Wörter.
Latein und Alt-Griechisch haben viele davon zur Welt gebracht.
Und obwohl beide Sprachen heute als „tot“ gelten – ihre Nachkommen sind quicklebendig.
Wer könnte sich ein Buch über Medizin oder Botanik ohne Latein vorstellen?
Na also.

Wer sich einen grossen Wortschatz aneignet, ist gut gerüstet –
für Debatten, Gerichtsszenen oder Liebeserklärungen.
Vorausgesetzt, man kennt die Gesetze der Rhetorik und weiss, wie und wann man sie bricht.

Dasselbe gilt für Schreibende, die nicht mit den immer gleichen abgenutzten Vokabeln hantieren wollen.
Autor:innen, die mit Worten Bilder malen, sind Architekt:innen der Fantasie –
und nicht selten auf den Bestsellerlisten zu finden.

Der Wörtersee ist tief.
Darin zu fischen ist spannend, erfrischend – und manchmal schillernd.
Aber wer sich traut, mit den Schmuddelwörtern zu spielen,
wird vielleicht entdecken,
dass Sprache die schönste Form von Freiheit ist.

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