Zeit Rolle
29. Dez 2025,

Die Zeit zeigt sich als Rollenspiel. Irgendjemand sagte einmal: „Zeit ist wie eine WC-Rolle: Je näher sie dem Ende kommt, desto schneller dreht sie sich.“ Welch ein prägnanter Satz – und das ausgerechnet für einen Ort der Verdauung und des Loslassens.
Die Jugend ist ungeduldig. Alles kann nicht schnell genug vorbeisein, oder das Wochenende endlich da sein. Die Zeit kommt den jugendlichen Gemütern enorm lang vor. Woran das wohl liegt, dass sich die jugendliche Zeit eher dehnt?
Nun, der junge Geist ist ständig auf Entdeckungsreise. So viele neue Eindrücke, Geräusche und Gerüche bahnen sich den Weg ins jugendliche Bewusstsein. Diese Eindrücke sind komplex und vielfältig, sodass sie sich in die Länge ziehen. Zudem wirkt das Gehirn im Anfangsstadium wie ein Recorder – ein Aufnahmegerät, das die Sinneseindrücke stets hochauflösend speichert. Diese hohe Dichte der Eindrücke lässt die Jahre gedehnt erscheinen.
Doch diese Phase hält nicht lange an. Sobald sich die lästigen Gewohnheiten ihren Weg ins Bewusstsein gebahnt haben, bröckelt das intensive Zeitgefühl – wie der Philosoph und Psychologe William James feststellte. Wer die Tagesabläufe – Schul- oder Arbeitsweg, Aufgaben und Routinen – kennt, wird automatisiert in den Alltag geworfen. Wer wundert sich noch über jede Tätigkeit des Tages? Eben.
Die Lebenszeit ist wie eine Beziehung: Sobald sich die Reize in Routine verwandeln, verschmelzen Tage und Wochen. Der Eintopf des Lebens lässt die Zeit verfliegen.
Wie war das noch damals, in der Blütezeit der Entdeckungen? In der jugendlichen Neugier auf das Leben – die erste Liebe, das erste Fahrrad, das noch nie Dagewesene. Diese Erinnerungen füllen das Gedächtnis und lassen die Zeit damals als lang erscheinen.
Die Zeit scheint proportional und nicht linear zu sein – jedenfalls empfinden wir sie in verschiedenen Lebensphasen so. Für Fünfjährige sind zwölf Monate ganze 20 % ihres Lebens, für Fünfzigjährige schmelzen sie auf läppische zwei Prozent zusammen. Autsch.
Ergo scheint die Zeit proportional zur Länge des Lebens zu schrumpfen – zumindest subjektiv.
Wer kennt sie nicht: die Langeweile.
An intensiven Tagen vergeht der Tag subjektiv schneller; an langweiligen dehnt sich die Zeit. Wer im Wartezimmer ständig auf die Uhr blickt oder prüft, ob sie überhaupt noch tickt, kennt das Gefühl der stagnierenden Zeit.
Wer sich hingegen mit Freude und vollem Bewusstsein in etwas vertieft, blendet die Zeit aus.
Wer sich hingegen mit der Langeweile befasst, der fokussiert sich auf den Sekundenzeiger.
Doch Zeit kann auch Druck machen. Und wie!
In der heutigen modernen Welt, mit all ihren technischen Geräten, gerät der Mensch unter Zeitdruck.
Er muss ständig verfügbar sein, überlastet sich mit Terminen und versucht sich erfolglos im Multitasking. Das Leben wird beschleunigt. Kein Wunder, empfinden viele, als flöge die Zeit nur so dahin.
Gefühlt zumindest – denn der Takt des Uhrzeigers bleibt immer derselbe.
Diese Beschleunigung lässt Menschen, unabhängig vom Alter, spüren: Die Zeit fliegt mir davon.
Und hier kommt noch eine weitere Eigenschaft hinzu, die das Gefühl kollabierender Zeit verstärkt: Monotonie im Gedächtnis.
Doch diese lässt sich durchbrechen – ohne Gewalt und ohne Aggression – einfach durch Veränderung. Und natürlich durch hyperaktive Neugier. Neues ausprobieren, gewohnte Wege verlassen, eine neue Sprache oder ein neues Hobby lernen – das mag die Monotonie überhaupt nicht.
Der angelsächsische Ausdruck dafür ist „Mindfulness“, also Achtsamkeit – ein Zustand, der den Geist füllt, anstatt ihn leer laufen zu lassen.
Ich selbst habe mich im April 1974 zum allerletzten Mal gelangweilt. Das Starren auf den Sekundenzeiger während meiner Lehrzeit wurde mir zu lästig. Mein jugendliches Gehirn fühlte sich verklebt an.
Seither schläft meine Neugier selten. Denn auch mit bald einundsiebzig hat das Leben enorm viel zu bieten, das ich weder kenne noch erlebt habe. Und das hält mich wach.
Die Zeit vergeht zwar im Fluge – aber nur, weil ich sie meistens völlig vergesse.
Sorry.
