Sozial Amnesie
04. Feb 2026,

Mauern sind an sich eher unsympathische Grenzen. Wer mauert, lässt sich selten zu einem Gespräch über heikle Themen hinreissen. Und wessen Gedanken ständig gegen eine Mauer laufen, ist schnell frustriert.
Wer kennt die Situation nicht – wenn ein gesuchtes Wort Verstecken spielt oder eine ganze Erinnerungsgeschichte durch eine Mauer ersetzt wurde?
Fürchterlich.
Mein Freund Don kämpft täglich damit, Wörter zu finden, die schliesslich einen ganzen Satz ergeben.
Sein Gesicht spricht mehr Bände als Don selbst: Frustration pur.
Der Kopf und seine Maschinerie stellen sich manchmal regelrecht stur an – und drohen mit Lücken im Denken und im Reden.
Wie fies ist das denn?
Amnesie ist eine Form des Gedächtnisverlusts, die entweder durch Hirnverletzungen, psychische Erkrankungen, Krankheit – oder auch durch den intensiven Gebrauch sozialer Medien – ausgelöst werden kann.
Menschen mit Amnesie haben Schwierigkeiten, sich an Informationen, Erfahrungen oder Fakten zu erinnern.
In manchen wilden, politisch aufgeheizten Diskussionen zeigt sich die Geschichts-Amnesie allzu deutlich – gepaart mit einer ausgeprägten Abneigung gegenüber Fakten.
Die sind nämlich äusserst lästig, wenn sie Meinungen und Hörensagen torpedieren.
Wie stark werden unsere Gehirne und Augen durch den intensiven Genuss – und Verdruss – der sozialen Medien beeinflusst?
Wer viel, sehr viel auf Instagram, TikTok, Facebook und Co. unterwegs ist, bedient sich an Quickies.
Soziale Medien fördern eine Kultur der sofortigen Befriedigung und der kurzen Aufmerksamkeitsspanne.
Die ständige Flut an Informationen und das Drängen, schnell zu scrollen und zu reagieren, setzen dem Gehirn zu.
Und das ist alles andere als positiv gemeint.
Die Synapsen verlernen, sich länger auf eine einzige Sache zu konzentrieren.
Ablenkung wird zum Dauerzustand.
Davon kann ein gut funktionierendes Gehirn nie satt werden.
Verallgemeinerungen in der Wahrnehmung werden von solchen Info-Häppchen nur allzu gern gefüttert.
Noch trickreicher sind die negativen und schädlichen Informationsströme auf den sozialen Medien.
Wer sich täglich und langfristig mit negativen Nachrichten eindeckt, erlebt seine Gefühlswelt in Dauer-Aufruhr.
Wut, Angst und Hilflosigkeit übernehmen das Ruder – falls man sie lässt.
Noch fataler wird das Buffet, wenn die Häppchen rassistisch oder sexistisch dekoriert sind.
Die Abteilung Vorurteile nimmt dieses Angebot dankend an – ganz ohne Ladenöffnungszeiten.
Am lukrativsten aber sind die falschen, irreführenden Meldungen, die sich immer häufiger auch der künstlichen Intelligenz bedienen.
Holy smokes – welch ein Cocktail an Informationen, der da ins Gehirn geliefert wird!
Na ja – der Mensch, seine Gedanken und Gefühle müssen damit eben klarkommen.
Toi, toi, toi.
Vergleiche hinken zwar immer noch.
Und Erinnerungen an „Früher war alles besser“ sind lächerlich.
Doch Hand aufs Herz:
Wer hat früher beim Zeitunglesen je Fakten geprüft?
Kaum jemand.
Denn da stand meist schwarz auf weiss, was Sache war.
Lediglich die politische Färbung der Zeitung – und ihrer Besitzer – konnte die Berichte etwas einfärben.
Aber heute?
Beim Lesen bleibt es nicht mehr.
Das Gelesene wird durch den Faktencheck gejagt, um wenigstens einigermassen Orientierung zu gewinnen.
Wer sitzt schon gern einer Falschmeldung auf – als wäre das ganze Jahr über der erste April?
Das Leben 2026 ist einzigartig im Aufruhr.
Diskussionen mit Freunden und Familie sind schwieriger geworden.
Warum?
Weil die Häppchen längst beim Spiel der Kommunikation mitmischen – und oft das Ruder übernehmen.
Die Häppchentruppe hat noch ein weiteres Talent:
Sie treibt Menschen dazu, das Gelesene oder Gehörte missionarisch in jede Runde zu werfen.
Mit Wucht, versteht sich.
Und dann werden nicht nur Babys mit dem Bade ausgeschüttet –
sondern auch langjährige Beziehungen in die Tonne der Debatte geworfen,
gemeinsam mit Falschinformationen und Vorurteilen.
Wie traurig ist das denn?
Oder wie alt ist diese Strategie?
Schon bei Asterix hat ein gewisser Tullius Destructivus den Tag damit verbracht, Zwietracht, Streit und Wut zu säen.
Und das ist ihm – wie wir wissen – prächtig gelungen.
Tullius Destructivus hat Hausverbot. Für immer.
