Stau Big
09. Feb 2026,

Ach nein – schon wieder ein Satz, der in nur zwei Worten zwei Sprachen vereint. «Stau» ist ein verdichtetes deutsches Wort, «Big» das grosse Wort in der englischen Sprache. Nein, das ist kein Vorwurf an den Autor – also an mich –, sondern eine Feststellung, die am Ende dieses Satzes zu Staub zerfällt. Sorry.
Staubig war das erste Wort heute Morgen um halb sechs. Doch ich wurde von meinem heiss gebrauten Kaffee abgelenkt, drückte versehentlich auf die Leertaste – und so entstand „stau big“. Andererseits ist der Stau tatsächlich big, also gross. Denn zurzeit staut sich so vieles auf der Denkstrasse der Menschheit, dass „gross“ kaum noch ausreicht. Aber das gehört in eine andere morgendliche Geschichte.
Staubig tauchte heute Morgen auf, als ich mich an den gestrigen Artikel von Heather Cox Richardson erinnerte, einer amerikanischen Historikerin und Professorin am Boston College.
Beim Lesen ihres sehr langen Artikels drängte sich das Wort „staubig“ an die Oberfläche. Mir fiel nämlich auf, wie viele „neue“ Begriffe von Politiker:innen verwendet werden, um politische Reden mit Hass und Hetze zu füllen und so die Stimmung der Bevölkerung aufzuheizen. Doch diese Begriffe sind weder neu noch attraktiver geworden. Schon 1916 schrieb der Anwalt Madison Grant über "Das Ende der grossen Rasse: Oder die rassische Grundlage der europäischen Geschichte". Dieses rassistische Machwerk soll ein gewisser Adolf Hitler als „seine Bibel“ bezeichnet haben.
Die Verstaubtheit rassistischer Ansichten zeigt sich 2026 in der Weltpolitik stärker und verstaubter denn je. Erinnert sich noch jemand an die Kommunistenjagd eines US-Senators namens Joe McCarthy?
Heather Cox beschreibt, wie Senator Joe McCarthy 1950 mit der Behauptung, er habe eine Liste von 205 Kommunisten im US-Aussenministerium, die das politische Klima des „Red Scare“ („Rote Angst“) einläutete. Beweise? Die brauchte McCarthy nicht – er gewann grosse mediale Aufmerksamkeit und erlangte so die Oberhand für Hetze und Macht. Seine Taktik bestand aus Lügen, Übertreibungen und Unterstellungen einer geheimen kommunistischen Verschwörung – und fand fruchtbaren Boden in den Vereinigten Sagen von Amerika.
Nachdem McCarthy 1954 aus dem Blick- und Tätigkeitsfeld der US-Politik verschwand, übernahmen rechte Kreise ähnliche Narrative und würzten die Suppe mit Rassismus: Die Forderung nach Bürgerrechten für Schwarze wurde als „Sozialismus“ diffamiert. In den 1980er Jahren spiegelte der Film "Red Dawn" diese Angst vor einer kommunistischen Invasion – inklusive der Kollaboration der eigenen Regierung.
Heute lebt diese Denkweise in der „Great Replacement Theory“ weiter – einer Verschwörungstheorie, nach der Eliten (oft kodiert als Juden) die weisse Bevölkerung durch nicht-weisse Einwanderer ersetzen wollen. Der Text zeigt, wie der aktuelle Präsident der USA und seine Unterstützer diese Ideologie übernommen haben: durch rassistische Rhetorik, Lügen über Migranten (z. B. das Gerücht, sie würden Haustiere fressen, wie in Springfield behauptet) und das fanatische Blockieren von Einwanderungsreformen. Der Text warnt davor, dass Lügen, die einst am Rande standen, heute staatliche Politik prägen – ähnlich wie in McCarthys Zeit. Wie war das noch mit „die Geschichte wiederholt sich“? Mir wäre lieber, diese Geschichten überholen sich endlich – damit sich der Staub legt und die Welt wieder zur Besinnung kommt.
Worauf denn?
Wie wäre es mit unparteiischer Zusammenarbeit statt Spaltung, einer humanistischen Grundhaltung statt Rassismus, Rhetorik, die von Respekt getragen wird? Denn dann wäre es möglich, die realen und wirklich grossen Gefahren anzugehen: Klimakatastrophe, Kriegslüsternheit – und wenn wir schon dabei sind, Hunger beseitigen und Demokratien wieder stärken.
Ja, ich weiss – ich bin ein Träumer. Aber ich bin nicht der Einzige.
Träumer öffnen Horizonte und Möglichkeiten, die der Realist (noch) nicht sieht.
Danke, John Lennon.
