«Schul Stoff»
24. Apr 2026,

Die Schulzeit ist selten ein Party-Thema. Zuviele Erinnerungen der bitteren Art schlummern in den Hirnwindungen. Schule war Qual. Und meistens ohne Wahl.
Meine Schulzeit war nicht besonders schlimm. Denke ich zumindest.
Die bitteren Episoden der Bildungswanderung waren weniger dem Schulstoff als dem Schulstaff gewidmet.
Also den Menschen, die sich auf dem Pausenplatz und im Unterricht herumtrieben.
Da war dieser böswillige, sadistische Abwart, der immer Schnürstiefel mit Stahlkappen trug.
Und eben diese Kappen aus Stahl landeten zu oft in eines Schülers Hintern.
Oder der eine Lehrer mit dem kleinen Buckel und dem grossen Ego, der mit Argusaugen nach einem Opfer spähte.
Seine Lieblingsbeschäftigung nebst dem Unterrichten war die Züchtigung.
Nein, diese waren nicht rhetorisch, sondern fanden bambusstockbewehrt und schmerzlich ihr Ziel auf nackten Schüler-Hintern.
Vor versammelter Klasse wurde mir einmal diese Schaustellung mit zehn erfahrungsvollen Schlägen auf beide Hinterbacken gewährt.
Heute im Rückblick auf diese Zeit des neugierigen, oftmals unsicheren Heranwachsens in meiner Jugendzeit war es selten der Schulstoff, der mir unbehaglich war.
Es war die Art und Weise, wie eine Schulatmosphäre gestaltet wurde.
Freude am Lernen war selten mit im Spiel.
Weder bei Lehrern noch bei den Schülern.
Natürlich waren mir manche Fächer wie Algebra, Geometrie und Mathematik widerwärtig.
Weil einfach zu langweilig und zu strikt, wenn es auf Ergebnisse ankam.
Jede falsch notierte Zahl war gleich ein Drama und wurde konsequent als «FALSCH» mit tiefrotem Stift an den Pranger gestellt.
Von entspannter Flexibilität war in den mathematischen Fächern kaum etwas zu spüren.
Im Deutschunterricht war das etwas anders.
Nein, nicht bei der Grammatik — da galten dieselben eisernen Regeln — doch in der fantasievollen, erneuerbaren Rhetorik fühlte ich mich immer zuhause.
Mir war damals als Teenager noch nicht klar, wie mächtig das Anwenden von Wörtern in ganzen Sätzen sein kann.
Ich meine, wirklich mächtig.
Nach einer Schlägerei auf dem Pausenplatz schmerzte der Körper eine Zeitlang.
Doch nach ein paar Tagen war der aus dem Leben und dem Körper verschwunden.
Ein brutal hingeworfener Satz mit dem Ziel, die Psyche des Gegenübers zu verletzen, der hat eine ähnliche langfristige Periode vor sich wie der Zerfall verbrauchter Brennstäbe eines AKW.
Auf einige Fächer der schulischen Zeit hätte ich gerne verzichtet.
Mir kam das zwanghafte Eintrichtern von Stoff — also dem schulischen — als mutwillige Verschwendung meiner Lebenszeit vor.
Gut, damals hätte ich das noch nicht so formuliert, aber im Grunde stimmt der Satz.
Doch zurück zum begeisternden Zuhören und Mitmachen, wenn es um die Sprache ging.
In meinem Falle um die deutsche Sprache.
Bücher waren meine Schatzkammer, mein Trost, meine Inspiration, um mit dem Leben klarzukommen.
Als ich über diesen Berliner Schriftsteller Kurt Tucholsky stolperte, da war es mit dem Seelenfrieden vorbei. Hingegen stand der leidenschaftliche Traum fürs Schreiben mit dröhnendem Motor am Start.
Wie konnte ein Mann wie dieser Tucholsky Themen über das Leben in Berlin der Dreissiger Jahre mit mächtigen, einfühlsamen und direkten Worten beschreiben, die unter die Haut gingen?
Kurt Tucholsky hatte nur ein kurzes Leben vor sich, aber er hat meisterliche Werke hinterlassen, für die ein handelsüblicher Schreiberling ein Jahrhundert gebraucht hätte.
Damals stand das Kürzel «KI» für Kurt's Intelligenz.
Denke ich zumindest.
Wo war ich? Ach ja, beim schulischen meist grauen Alltag.
Wie hätte ich die Schulzeit genossen, wenn ich mich mehr auf meine Fähigkeiten und mein Interesse an Sprachen und Philosophie hätte widmen können?
Geometrische und mathematische Aufgaben? Da hätte ich jemanden gefragt, der sich damit auskennt.
Irgendwie wirkt es noch heute etwas dümmlich, wenn eine Bande von völlig unterschiedlichen Schülerinnen und Schülern in schulische Bänke gepresst und dann mit standardisiertem Stoff abgespiesen werden.
Wie viele Talente haben sich von ihrer Leidenschaft verabschiedet, weil die Schule, die Lehrer und eventuell die Eltern diese sogenannten Flausen ausgeredet oder gar ausgetrieben haben?
«Such dir eine sichere Ausbildung. Werde kaufmännischer Angestellter.»
Das war mein meistgehasster Schlüsselsatz, den ich immer wieder um die angelegten Ohren gehauen bekam.
Und was wurde aus mir?
Ja, erstmal einer, der sich während der dreijährigen Leere — oder Lehre? — täglich zu Tode gelangweilt hat.
Ich kann mich nicht erinnern, dass irgendeine Arbeit in dieser Kranfabrik nur den mindesten Spass offeriert hätte.
Denn wieder hatte ich mit der Norm zu kämpfen. «Man tut das nicht!» oder «Wir haben das schon immer so gemacht.» gehen mir heute noch auf den standardisierten Wecker.
So, das musste jetzt mal raus.
Und was habe ich als Spätzünder doch noch hinbekommen?
Ich lebe vom Schreiben.
Und fürs Schreiben.
Ätsch!

