Schätze
26. Apr 2026,

"Oh, das ist schwer zu schätzen." Stimmt. Denn erst wenn "das" verschwunden ist, sich abgemeldet hat, dann wird "das" geschätzt. Was immer "das" auch sein mag. Schätze ist zwar Vermutung, aber schätzenswert.
So, sind wir verwirrt genug?
Am Ende des Regenbogens liegt ein Schatz in schimmernden Gold.
Den kann man sich holen, sofern man das richtige Ende des Bogens wählt.
Das Wort Schatz war seit jeher etwas magisch dekoriert.
Wenn die Schatzkarte aus einer alten Flasche auftaucht, wenn der Anlageberater den Kryptohimmel auf Erden verspricht, wenn der Hochzeitstag der schönste Tag des Lebens war, dann ist die Halbwertszeit des Glücks überschritten.
Denn ein Schatz verspricht viel, aber selten Konkretes.
"Du, Schatz, ich liebe dich.»
Solch ein Satz ist mir nie über die Lippen gerutscht.
Niemals.
Oh nein, der Teil mit der Liebe ist wunderschön, aber das etwas abfällige "Schatz" habe ich nie anwenden wollen.
Wie soll ich meine Beziehung zu einem geliebten Menschen in einem zutiefst materiellen Begriff beschreiben?
Noch schlimmer war der Zusatz: "Mein Schatz.»
Hey hey, das ist viel zu ergreifend, wenn es um Besitz geht.
Kein Mensch oder ein anderes Tier ist jemandes Besitz.
Auch nicht nach dem Schönsten Tag des Lebens.
Zudem fristet solch ein Schatz meist ein tristes Leben.
Solange er existiert, lässt man ihn in einer Kammer eingesperrt und hofft, dass er sich vermehrt?
Na wie soll das denn funktionieren, wenn der Schatz alleine und sich überlassen bleibt?
Na also.
Ist also alles schlecht an dem Wort und der Bedeutung von Schatz?
Sicher nicht. Schliesslich ist es nicht das Wort an sich, sondern die darin enthaltenen Wünsche, Vorstellungen und Hoffnungen.
Es wirkt energieladend, wenn der Mensch, also du und ich, einem vermeintlichen Schatz hinterherhecheln.
Solange das Hecheln nicht lebensbedrohlich wird.
Es ist motivierend, das Resultat des eigenen Wirkens in Form eines Schatzes zu betrachten.
Vor allem dann, wenn der Schatz selbst sich dem Materiellen entsagt hat und nur noch emotional wirkt.
Diese eher kleinen, aber herzigen Ausgaben von Schatz sind ja auch der Bodensatz des Menschlichen.
Vor allem, wenn sich der Schatz in ein attraktives Adjektiv verwandelt.
Ich bin wertschätzend, zum Beispiel.
Nein, damit ist nicht der Beamte gemeint, der den Wert eines Hause schätzen soll.
Oder muss.
Aber den Wert einer Handlung, eines Moments der Menschlichkeit, die wunderbare Leichtigkeit des Seins - dies sind die Zutaten zu etwas mehr Glück in der Brust.
Ja, ich bin wieder an der Schwelle zur Vinylplatte mit dem berühmten Sprung angelangt. Sorry.
Sie wiederholt sich.
Doch ich wache noch immer auf - meistens morgens - und kneife mich.
Nicht nur, weil ich Single bin und dies sonst niemand übernehmen könnte.
Nein, es ist diese Sache mit dem Glück, mit den Gelegenheiten, mit den Menschen um mich herum, die den Wert des Momentes in einen Schatz verwandeln.
Und das weiss ich - und auch zu schätzen.
Stimmt's, Schatz?

